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Ein kleines Hotel in der Altstadt von Rhodos

In der Altstadt von Rhodos lebt kaum noch ein Grieche. Im Winter wird das besonders deutlich. Dann sind nahezu alle Geschäfte und Tavernen geschlossen, lenken keine bunten Auslagen und Schaufenster mehr von der Brüchigkeit der meisten Häuser ab, die fast ausnahmslos mehrere Jahrhunderte alt sind. Viele der verfallenden Häuser sind in Privatbesitz. Niemand mag die Eigentümer zwingen, sie zu restaurieren oder zu verkaufen. Die Denkmalpflege widmet sich nur einigen wenigen herausragenden Gebäuden, hat für den Rest verständlicherweise kein Geld. Es ist zu befürchten, dass in den nächsten Jahrzehnten ein Großteil der Altstadt einstürzen wird. 

 

Auch Birgid Mavrakis und ihr Mann Thanassis ziehen es vor, in der Neustadt der Inselmetropole zu wohnen. Kennengelernt haben sich die beiden während des Zypern-Krieges 1974. Biggi hieß damals noch Engel. Ihr Vater war Zahnarzt, ihre Mutter Bankangestellte in Bernkastel-Kues. Eine Freundin hatte die gelernte Kinderkrankenschwester überredet, doch einmal auf Rhodos statt in Spanien Urlaub zu machen. Thanassis arbeitete an der Bar ihres Hotels. Da schoss denn auch Eros seine Pfeile ab. Wegen der türkischen Invasion auf Zypern musste Biggi 20 statt 14 Tage auf der Insel bleiben – und Thanassis kümmerte sich eifrigst um sie. Schon im September kam sie wieder auf die Sonneninsel - und den Winter verbrachte ihr junger Grieche jobbend bei ihr in Köln. 

 

Als Thanassis dann 1975 zum Militärdienst einberufen wurde, kündigte Biggi ihren Job in Deutschland, belud ihren VW-Käfer mit ihrem Hausstand und fuhr mit einer Freundin auf dem Autoput nach Thessaloniki. Die blieb in der Großstadt, Biggi reiste weiter nach Soufli im Evros-Tal, wo ihre große Liebe sein Vaterland beschützte. Ende 1976 hatte er seine Pflicht getan und beide kehrten ins Rheinland zurück. Sie fanden schnell Arbeit, heirateten und bekamen ihre erste Tochter. Doch Thanassis litt stark unter Rheuma. Seine Ärzte rieten der jungen Familie, nach Griechenland überzusiedeln. 1982 übernahmen sie einen Kiosk und ein Patsa-Restaurant in der Inselhauptstadt – und bekamen eine zweite Tochter.

 

Ein Jahr später schenkte Biggis Schwiegervater ein baufälliges, 700 Jahre altes Haus im ehemaligen Judenviertel der Altstadt seinen Kindern. Der Familienrat beschloss, es Thanassis und dessen jüngster Schwester zu überlassen; die anderen Geschwister sollten später ausbezahlt werden. Drei Jahre lang verbrachte nun Thanassis fast jede freie Minute, in der er nicht im Kiosk sitzen musste, mit dem Wiederaufbau des historischen Schmuckstücks. 1986 war es dann soweit: Das Cava d’Oro konnte als eins der ersten Hotels in der Altstadt eröffnet werden. Die 13 Zimmer putzten Biggi und ihre Schwägerin die ersten drei Jahre noch selbst. Erst dann konnten sie es sich leisten, für diese Tätigkeit ein Zimmermädchen einzustellen.

 

Inzwischen haben Biggi und Thanassis fünf Enkelkinder. Tochter Alexia hat auf Kreta Hotelfach studiert, Tochter Dorothee in Saarbrücken Betriebswirtschaftslehre. Zum eigenen kleinen Altstadthotel ist ein Pauschaltouristenhotel in der Neustadt als zweites Standbein hinzugekommen, das allerdings nur gepachtet ist.