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Warum ich bei Facebook bin

Muss ich mich schämen? Ich verbringe täglich mindestens 30 Minuten mit Facebook. Von meinen über 1400 fb-friends haben fast alle irgend etwas mit Hellas am Hut. Sind dort Stammgäste oder leben ständig im Land, sind Griechen, Deutsche, Österreicher und Schweizer. Natürlich bin ich auch Mitglied in etlichen offenen und geschlossenen Facebook-Gruppen, die sich mit Griechenland, einzelnen Inseln, Städten und Regionen beschäftigen. Alexis Tsipras gehört ebenso zu meinen fb-Freunden wie Michaela Prinzinger, die österreichische Übersetzerin von Petros Markaris. Nur Bewunderer von Donald Trump, bekennende AfD-Wähler und meine Freundschaft suchende Mädels mit sehr offenherzigem Dekolleté lehne ich als Freunde ab. Die von Chrisi Avgi können meist ohnehin nicht schreiben. 

 

Und was bringt mir das? Auch Spaß! Ich sehe viele mehr oder weniger gelungene Katzen-, Blumen- und Urlaubsfotos, bekomme Links zu interessanten Webseiten, zu Musik-Videos (inklusive denen mit Kompositionen eines griechischen Chefredakteurs) und anstehenden Veranstaltungen. Irgendwie entgeht mir nichts mehr, was am Ionischen Meer und der Ägäis passiert. Im Winter zum Beispiel kann ich sehen, wie tief Griechenland an vielen Orten verschneit ist. Über Erdbeben werde ich früher informiert als jede Zeitung. Und fast jeder fb-Freund gratuliert mir zum Geburtstag und wünscht mir frohe Ostern oder Weihnachten. Ich selbst kann kaum noch einen Geburts- oder Namenstag vergessen. Ein paar persönliche Worte hier und da - und Hunderte von Freundschaften bleiben aktiv. Natürlich leike ich viele Beiträge von Freunden auch einfach nur durchs Like-Anklicken, ohne sie wirklich gelesen zu haben - aber das merkt ja keiner.  

 

Auch für meine Arbeit ist es sehr nützlich, viele fb-Friends zu haben und in viele Griechenland-Gruppen aufgenommen worden zu sein. Etliche fb-Aktivisten leben oder urlauben ja gerade an einem Ort, aus dem ich Informationen benötige. Brauche ich die aktuellen Taxi-Tarife auf Korfu bis ins kleinste Detail, findet sich eine fb-Freundin, die im realen Leben mit einer Taxifahrerin befreundet ist und sie fragen kann. Wünscht ein Verlag den tagesaktuellen Preis für ein Schweinekotelett in einer bestimmten Taverne, kann ich einen fb-friend in der Nähe bitten, doch eben einmal persönlich dort nachzuschauen. Und suche ich einmal ein Wort aus der griechischen Jugendsprache, habe ich genug digitale Freunde, die unter 25 sind. Habe ich eine Schlange oder eine Eidechse fotografiert, die ich nicht kenne, stelle ich ihr Foto ins Netz und erfahre spätestens nach einer Stunde den Namen. Facebook ist in der Tat ein hervorragendes Recherche-Werkzeug. Außerdem lerne ich durch Facebook auch die Wünsche, Sorgen und Ängste meiner Buch- und Artikelleser besser kennen. Kann man heuer Lesbos fahren, wird zurzeit beispielsweise häufig in den Foren gefragt. Da kann ich mit meinen positiven Antworten sogar dieser schönen  Insel helfen.  Das allein macht es vielleicht schon sinnvoll, täglich ein Achtundvierzigstel meiner Zeit mit Facebook zu verdudeln. Wollen Sie nicht auch mein fb-Freund werden?

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Kommentare: 1
  • #1

    qeNtfPNC (Sonntag, 18 September 2022 04:27)

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