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Kreta im Winter

Stell dir vor: Du sitzt windgeschützt auf einer Kaimauer am kleinen Fischerhafen. Die Mittagssonne scheint dir ins Gesicht und auf deinen nackten Arme, der Himmel ist fast wolkenlos. Kein Tourist ist weit und breit zu sehen, auf den Bergen in deinem Rücken liegt meterhoch Schnee. In der nahen Taverne lodern die Holzscheite im offenen Kamin, abends erklingt da die Lyra. Du bist im Winter auf Kreta.

 

So schön kann, muss es aber nicht sein. Schon am nächsten Tag können Wolkenbrüche alle Straßen untere Wasser setzen, hohe Brecher in Hafennähe geparkte Autos wegschwimmen lassen. Manchmal bedeckt sogar Schnee ganz dünn die Strände, sind die Gebirgspässe für Stunden oder Tage unpassierbar. Dann wieder weht der warme Wüstenwind roten Sand aus der Sahara herüber oder legen heftige Stürme die ganze Schifffahrt lahm. Eins wird dir im kretischen Winter auf jeden Fall abverlangt: Höchste Flexibilität.

 

Wo wohnen im Winter?

Die Hotels in den Badeorten sind im Winter fast alle geschlossen. Trotzdem findet man fast überall eine Unterkunft, zumindest Privatzimmer und Apartments, manchmal sogar ein ganzes Ferienhaus. Nur in den Städten sind fast alle Hotels ganzjährig geöffnet. Die Preise sind günstig, die Zimmer mit der schönsten Aussicht meist noch frei. 

 

Das Klima ist im Winter an der Afrika zugewandten Südküste um einiges wärmer als im Inselnorden. Nicht umsonst stehen da ja auch die vielen Gewächshäuser, in denen Bananen, Tomaten & Co reifen. Wer sich nicht überwiegend selbst verpflegen will, sollte allerdings einen etwas größeren Ort wählen, in dem auch Tavernen geöffnet sind. Ideal ist hier vor allem das Städtchen Ierapetra, in dem die vielen Bauern der Umgebung für fast ebenso viel Leben sorgen wie im Sommer. In Chora Sfakio sorgen die Fähren nach Gavdos für etwas Betrieb, in Matala ein paar Tagesausflügler, in Paleochora wiederum die vielen Bauern der Region.

 

Wann reisen?

Die wettermäßig ungünstigsten Reisemonate sind der Januar und Februar. Da wird es im Durchschnitt mittags nur 15-16 Grad warm, nachts sinken die Temperaturen auf durchschnittlich 9 Grad ab. Mit Regen oder manchmal auch Schnee ist an 9 Tagen im Monat zu rechnen, die Sonne scheint maximal vier Stunden am Tag. Die Meerwassertemperaturen sinken während des Dezembers unter die Bibbermarke von 18 Grad und übersteigen sie erst wieder im Mai.

 

Wer über Weihnachten auf Kreta bleibt, erlebt es etwas anders als daheim. Kleine Weihnachtsmärkte, auf denen sogar Glühwein ausgeschenkt wird, gibt es zwar auch in den größeren Städten, ebenso städtische Tannenbäume und viel Weihnachtsdeko in den Haupteinkaufsstraßen, aber  eine festliche Stimmung will dennoch meist nicht aufkommen. Das Fest der Kreter ist und bleibt Ostern, Weihnachten spielt dagegen nur eine untergeordnete Rolle. Und auch an Silvester wird weit weniger geböllert als bei uns.

 

Am 6. Januar lohnt es sich, in einem der vielen Hafenorte der Insel zu sein. Dann feiert man am späten Vormittag das Fest der Wasserweihe und der Taufe Christi. Nach einem Gottesdienst zieht die Gemeinde mit einem Priester ans Wasser. Der wirft ein geweihtes Kreuz hinein. Junge Männer und neuerdings auch Frauen springen ihm hinterher. Wer es dem Priester zurückbringt, kann – so der alte Volksglaube – auf ein besonders glückliches neues Jahr hoffen.

 

Der Karneval macht auch vor Kreta nicht Halt. 2022 fällt das letzte griechische Faschingswochenende auf den 5./6. März, 2023 auf den 25./26. Februar. Die Karnevalshochburg der Insel ist die Stadt Rethimno. Da findet am Faschingssonntag am frühen Nachmittag ein Karnevalsumzug mit zahlreichen Wagen und Zehntausenden kostümierter Kreter statt.

 

 

Bei schönem Wetter

Lange Strandspaziergänge sind in den Wintermonaten an windarmen Tagen ein wahres Vergnügen. Vielleicht legt man sich dabei ja ein neues Hobby zu, hält statt nach Muscheln Ausschau nach glatt geschliffenem farbigen Glas und bastelt abends etwas daraus. Anregungen dafür gibt es im Internet reichlich. Besonders schön sind Strandspaziergänge, wenn aus dem Meer noch Inseln herausragen wie an der Bucht von Matala oder an den Stränden von Iraklio und Platanias bei Chania. Höhepunkte sind auch die im Sommer inzwischen völlig überlaufenen Südseestrände von Elafonissi und Balos an der Westküste sowie der Palmenstrand von Vai ganz im Osten. Im Winter hat man sie oft ganz für sich allein.

 

Erfreulich wenig Betrieb herrscht zwischen November und März auch in den vielen archäologischen Stätten der Insel. In den minoischen Palästen von Knossos, Matala, Festos und Agia Triada achten dann zwar auch Wärter auf „Zucht und Ordnung“, doch in vielen der kleineren Ausgrabungen wie in der minoischen Stadt Gournia zum Beispiel kann man dann getrost ein Picknick auspacken und es unter alten Olivenbäumen genießen. Nur wenige der kleinen Ausgrabungen sind im Winterhalbjahr geschlossen wie Lato bei Agios Nikolaos.

Auf jeden Fall sollte man bei gutem Wetter auch öfters einmal längere Ausflüge mit dem Auto ins Hinterland oder bis zu Dörfern an der Schneegrenze wagen. Die grandiose Fernsicht wird dann oft unvergesslich.

 

Wenn es regnet und stürmt

Bei schlechtem Wetter sind die vielen Museen der Insel ein idealer Aufenthaltsort, die man sich in der aktuellen Jahreszeit meist höchstens mit ein paar einheimischen Schulklassen teilt. Bedeutende Archäologische Museen, die vor allem kunstvolle Funde aus minoischer Zeit bergen, stehen in den Städten Iraklio, Rethimno, Chania und Sitia; hinzu kommen kleinere archäologische Sammlungen wie die  in Ierapetra und Kissamos. Auch die über 20 noch bewohnen Klöster der Insel sind gerade bei Regen einen Besuch wert. Im Winter haben  Mönche und Nonnen oft sogar noch Lust und Zeit, sich mit Fremden zu unterhalten und mit  ihnen Kaffee oder einen Raki. Ein Erlebnis besonderer Art bietet das Naturgeschichtliche Museum in Iraklio: Da kann man im Simulator sicher Erdbeben verschiedenster Stärke am eigenen Körper erleben.

 

Nach einem kalten, regnerischen Wintertag genießt man dann die Abende in den Tavernen besonders intensiv. In vielen lodert ein offenes Feuer im Kamin, oft erklingt die kretische Lyra oder gängige griechische Musik bis hin zum Rembetiko. Zum Aufwärem ist da ein Rakomelo bestens geeignet: Mit Honig versetzter kretischer Raki, warm serviert.

 

Winter aktiv

Wer auch im Winter die Insel aktiv erleben möchte, kann geführte E-Bike-Touren unternehmen und wandern. Tavernenwirte und Hoteliers vermitteln die Möglichkeit, bei der Oliven- oder Orangenernte mitzuhelfen. Wer extreme Wintererlebnisse wie eine Besteigung des tiefverschneiten Psiloritis sucht, findet auch deutschsprachige Bergführer, die die erforderliche Ausrüstung vermitteln und mit auf Tour gehen. Die Fotos, die man dort oben an sonnigen Tagen schießen kann, werden garantiert jeden Betrachter erstaunen lassen.

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Kommentare: 1
  • #1

    kokkinos vrachos (Sonntag, 14 November 2021 17:15)

    Moin und Kalimera, den ganzen Winter oder auch nur 1-2 Monate auf Kreta zu verbringen ist ein Traum, eine schöne Beschleunigung. Fast jeden Tag blauer Himmel…… Die Langzeitmiete von November bis März ist auf Kreta sehr günstig.

    Der große Knackpunkt im Winter ist aber, und dass sollte man auch erwähnen, die Heizmöglichkeit in der Unterkunft. Ich habe die letzten Jahre auch immer mal wieder einen Monat im Winter auf der Insel verbracht, im Januar Frangokastello und im November und März in Paleochora. Aktuell bin ich auf der Drapanos Halbinsel.

    Die Unterkünfte sind ja die Gleichen, die auch im Sommer vermietet werden, haben keine Isolierung und keine Heizmöglichkeit (Heizung oder Ofen/Kamin), abgesehen von der AC, die aber nichts taugen. Von den Temperaturen ist es draußen wärmer als in den Räumen.

    10-15 Kretafreunde mieten sich jedes Jahr im Winter was in Paleochora. Einige für 5 Monate, andere für 1-3 Monate. Das Heizen ist das große Thema unter uns Überwinterer in Paleochora gewesen. In welcher Unterkunft bist du, wie heizt du?

    Das Beste ist natürlich wenn es einen Ofen/Kamin gibt und man einen Raum schön einheizen kann. Die andere Möglichkeit ist, einen kleinen Heizer oder was es da alles so gibt sich zu besorgen. Die sind nicht teuer und man bekommt sie in Paleochoara in der Hauptgasse. Nachtteil ist, dass diese Dinger oft viel Strom verbrauchen und zu der Langzeitmiete der Strom meistens noch dazu kommt. Der Strompreis auf Kreta ist höher als in Deutschland.

    Es gibt auch einige wenige Unterkünfte mit Heizung (meistens aber in Hotels in den Städten an der Nordküste), da Diesel sehr teuer auf Kreta ist, sind die Unterkünfte mit Heizung auch viel teurer.

    Wer mit dem Gedanken spielt, im Winter auf Kreta zu verbringen, sollte die Problematik Unterkunft/Heizen im Hinterkopf haben.

    kaló chimónas, kv