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Zeus und Hera auf der Spur

 

Eine Reise auf den Spuren des höchsten göttlichen Paars der griechischen Antike beginnt man am besten auf Kreta. Da gebar ihn seine Mutter Rhea in einer Höhle. Ihr Gatte Kronos hatte nämlich die Angewohnheit, all seine neugeborenen Kinder sofort zu verschlucken. Um Zeus dieses Schicksal zu ersparen, brachte sie ihn im Dunkel der Unterwelt zur Welt und gab Kronos statt des Babys einen Stein zu verschlucken. Der bemerkte das nicht. Auch seine frühe Kindheit verbrachte der Göttervater noch in seiner kretischen Höhle, wo er von einer Ziege genährt wurde. Auf Kreta wetteifern heute zwei Höhlen um die Ehre, die des Zeus zu sein: Eine im höchsten Inselgebirge, dem Psiloritis, eine andere im Dikti-Gebirge, dass die Lassithi-Hochebene umkränzt. Da letztere touristisch bestens erschlossen ist, erscheint sie heute als Gewinner im Höhlen-Zweikampf.

 

Zwei andere Orte auf Griechenlands größter Insel sind eng mit dem Liebesleben des erwachsenen Zeus verbunden. An den Strand von Matala, dem Hippie-Zentrum der Zeit um 1970, trug er die phönizische Königstochter Europa, die unserem Kontinent zu seinem Namen verhalf. Zeus hatte sie spielend an den Gestaden Phöniziens entdeckt. Trickreich wie immer, wenn es um Frauen ging, verwandelte er sich in einen weißen Stier, lockte sie auf seinen Rücken und schwamm mit ihr Kreta entgegen. Vom Matala Beach zog er mit ihr weiter in die spätere römische Inselhauptstadt Gortyna. Da zeugte er unter einem Olivenbaum, dessen Nachkömmling in den Ausgrabungen mit den berühmten Gesetzestafeln aus dem 5. Jh. v. Chr. noch heute gezeigt wird, einen Sohn: Den Minos, Kretas sagenhaften Herrscher.

 

Hera und die Insel Samos

 

Da war er schon mit seiner Schwester Hera vermählt. Ihr Geburtsort wurde eindeutig in der Küstenebene von Pythagorio auf Samos lokalisiert. Da brachte beider Mutter Rhea ihre Tochter unter einem Lygosbaum zur Welt. Die Wurzel dieser auf Deutsch Keuschlammstrauch oder Mönchspfeffer genannten Pflanze haben die Archäologen dort im sumpfigen Gelände freilegen können. Jeder Urlauber, der beim Landeanflug auf den Aristarchos Airport auf der rechten Seite sitzt, kann die hoch aufragende Säule des einstigen Hera-Tempels schon aus der Luft sehen, der der Göttin im 6. Jh. v. Chr. erbaut wurde. Zweimal im Jahr fanden hier große Tempelfeste statt. Die Männer nahmen daran unter Waffen teil, Mädchen und Frauen trugen lange weiße Gewänder und kostbaren Goldschmuck. Während der Feste vollzogen die Menschen Ereignisse aus dem Leben der Göttin nach: nicht als historisches Schauspiel, sondern als Vergegenwärtigung etwas sich alljährlich Wiederholenden – ähnlich wie Karfreitagsprozession und Ostergottesdienst in der orthodoxen Kirche. Vor Frühjahrsbeginn beging man die >Heilige Hochzeit<  zwischen der auf Samos vor allem als Fruchtbarkeitsgöttin verehrten Hera und ihrem Gatten Zeus. Durch diese Hochzeit erneuerte sich alles Leben auf der Erde, das der Menschen ebenso wie das der Tiere und Pflanzen. 

 

Was genau bei diesem Fest geschah, ist leider nicht bekannt. Fest steht, das im Mittelpunkt ein hölzernes Kultbild stand. Das älteste, wahrscheinlich um 650 v. Chr. verbrannte Kultbild deutete menschliche Körperformen nur an, ähnelte eher einem Baumstamm. Vielleicht war es lebensgroß, sicherlich funkelten aus seinen Augenhöhlen glitzernde Edelsteine. Es galt als >vom Himmel gefallen< und nicht von Menschenhand gemacht. Das nach 650 v. Chr. neu geschaffene Kultbild war ebenfalls aus Holz, trug indes schon deutlich anthropomorphe Züge. Münzen aus dem 3. Jh. zeigen wahrscheinlich diese Gestalt. Die Göttin ist hier in einem prächtigen Gewand dargestellt, mal in einem Tempel, mal auf einer Art Thron, den zwei Pfauen flankieren.

 

Dieses Kultbild trug man im Hochsommer während des zweiten großen Festes in feierlicher Prozession ans Meeresufer. Da unterzog man es einer rituellen Reinigung, kleidete es anschließend in frisch gewaschene Gewänder, speiste es mit Opferkuchen und umhüllte es mit Zweigen des Keuschlammstrauchs. Durch diese Riten erlangte Hera ihre Jungfräulichkeit zurück, sodass sie im nächsten Vorfrühling wieder Zeus empfangen und die Heilige Hochzeit vollziehen konnte.

 

Zeus im Norden

 

Das ganze Jahr über hatten Zeus und Hera ihren Hauptwohnsitz auf den Gipfeln von Griechenlands höchstem Gebirge, dem Olymp. Wer heutzutage wie alljährlich Tausende anderer Neugieriger hinaufsteigt, findet ihn allerdings götterleer vor. Dem Mythos nach vergnügten sich hier Zeus und die anderen olympischen Götter regelmäßig bei großen Gelagen mit Nektar und Ambrosia. Tempel hat man ihnen dort droben nicht errichtet, die erste dokumentierte Besteigung des Olymp fand ohnehin erst vor 110 Jahren statt. Dafür hatte der Olymp in der Zeit Philipp des Großen allerdings eine so hohe politische Bedeutung, dass man ihn auf makedonischen Münzen findet. Philipp wollte damit betonen, dass Makedonien ja wohl schon immer griechisch gewesen sei, wenn dort sogar die griechischen Götter residierten. In Dion am Fuße des Olymp wertete sein Sohn Alexander das dort schon seit dem 5. Jh. v. Chr. vorhandene Zeus-Heiligtum gewaltig auf. Da gab es zwar keinen Tempel für den Göttervater, aber einen heiligen Hain aus hohen Eichen mit einem 25 m langen Opferaltar. Auf ihm brachte Alexander seine Tieropfer dar, um die Gunst des Zeus für seine Welteroberungspläne zu gewinnen. Hier ließ er später auch die von Lysippos geschaffenen bronzenen Reiterstatuen von in der Schlacht von Granikos gefallenen Gefährten aufstellen, die später nach Rom verbracht wurden und dort verloren gingen.

 

Die Zugehörigkeit des Epirus im äußersten Nordwesten des Landes wird ebenfalls durch ein uraltes Zeus-Heiligtum nachgewiesen: das von Dodoni bei Ioannina. Gegründet wurde es wohl schon von den ersten dorischen Stämmen, die zu Beginn des ersten vorchristlichen Jahrtausends von Norden her nach Griechenland einwanderten. Heute beeindruckt hier vor allem ein Theater, das mit 18 000 Plätzen auf 21 Sitzreihen eins der größten in ganz Hellas war. Im Altertum strömten Pilger vor allem des Orakels wegen nach Dodoni. Hier wurde es nicht wie im apollinischen von einer Pythia verkündet, sondern von PriesterInnen, die dafür das Blätterrauschen einer dem Zeus heiligen Eiche, den Flug freigelassener Tauben und geworfenen Losen interpretierten.

 

 

Auf dem Peloponnes…

Die weitaus meisten irdischen Häuser für Zeus und Hera findet man auf dem Peloponnes. Einzigartig in ganz Griechenland ist das dichte Beieinander je eines Tempels für das göttliche Paar in Olympia. Im Tempel des Zeus konnten die Menschen den Göttervater in eindrucksvoller Größe und Pracht erleben. In ihm stand die 12 m hohe Figur des Zeus auf einem prunkvollen Thron. In der linken Hand hielt er ein Zepter, in der rechten die Siegesgöttin Nike als Symbol für seine Macht, über Sieg und Niederlage zu entscheiden. Die Statue war nur ein paar Schritte vom Tempel entfernt in einer Werkstatt von Phidias und seinen Mitarbeitern unter Verwendung von viel Gold, Elfenbein und Edelsteinen in zehnjähriger Arbeit geschaffen worden. Die Statue wurde schon im 5. Jh. von frühen Christen vernichtet, vom Tempel stehen zwei Säulen wieder aufrecht. Die einstige Werkstatt des Bildhauers präsentiert sich heute als Ruine einer frühchristlichen Basilika. Aber im Archäologischen Museum von Olympia ist noch ein Trinkbecher zu sehen. Er trägt die Inschrift: >Ich gehöre dem Phidias<.

 

Der Tempel der Hera gleich nebenan ist heute noch von weltweiter Bedeutung. Vor ihm wird alle zwei Jahre in feierlicher Zeremonie das olympische Feuer entzündet. Kunsthistorisch ist seine Ruine außerordentlich bedeutsam, weil sie den Übergang vom hölzernen zum steinernen Tempel anschaulich macht. Der Ur-Bau entstand um 600 v. Chr. Seine Säulen waren noch aus Holz gearbeitet. Er brannte nie wie so viele andere Tempel Griechenlands vollständig nieder. So mussten im Laufe der Zeiten wieder morsch gewordene Säulen und andere Bauglieder ersetzt werden. Dafür nutzte man jetzt Stein und wählte jeweils die Form, die gerade modern war. So zeigen vor allem die Säulen heute ganz unterschiedliche Formen.

 

Bedeutende sportliche und musische Wettkämpfe wurden nicht nur in Olympia ausgetragen, sondern auch anderswo auf dem Peloponnes: In Isthmia am Saronischen Golf und in Nemea in der heutigen Provinz Korinthia. In Isthmia waren sie Poseidon, einem der beiden Brüder des Zeus, geweiht. In Nema fanden sie zu Ehren von Zeus selbst statt – und wie in Olympia stand auch in Nemea ein Zeus-Tempel. Sieben seiner Säulen haben die Archäologen wieder aufgerichtet. Viele mächtige Säulentrommel und auch Teile des steinernen Dachgebälks liegen fotogen im Gelände herum. Im modernen Museum wird anschaulich nachgewiesen, dass dieser Tempel in der Antike nicht in blendendem Marmorweiß aufragte, sondern dass er fast disneyhaft in grellen Farben bemalt war.

 

Hera wurde auf dem Peloponnes nicht nur in Olympia verehrt. Besonderes Ansehen besaß sie bei den Bewohnern der antiken Stadt Argos. Ihr Heiligtum lag außerhalb der Stadtmauern am Rande der Argivischen Ebene beim heutigen Dorf Neo Ireo. Es breitet sich landschaftlich reizvoll auf drei Terrassen aus und wird nur selten von Touristen besucht. Das Heiligtum war Ziel einer jährlichen Prozession von Argos aus. Auf der untersten Terrasse sind die Reste einer Säulenhalle erhalten, von der aus man die Prozession heranziehen sehen konnte. Im quadratischen Gebäude daneben wurde das Festmahl ausgerichtet. Auf der Mittleren Terrasse stand seit 420 v. Chr. ein steinerner Hera-Tempel, nachdem der hölzerne Vorgängerbau auf der dritten Terrasse drei Jahre zuvor niedergebrannt war.

 

Auch ein weiteres Hera-Heiligtum lag außerhalb einer berühmten peloponnesischen Stadt: Das zu Korinth gehörende Ireo an der Korinth gegenüberliegenden Festlandsküste. Wie das Heraion von Argos war es vor allem ein Ort eines großen ländlichen Festes. Seine spärlichen Überreste liegen direkt an einem kleinen Strand, sodass man hier Kultur und Baden miteinander verbinden kann. Vom Tempel selbst sind nur die Grundmauern erhalten. Zu erkennen sind auch noch die Spuren eines zweiteiligen Bankettsaals, in dem Bodenvertiefungen für die Klinen zu erkennen sind, auf denen die Teilnehmer während des rituellen Mahls lagerten. Auch der Altar, auf dem die Opfertiere gegrillt wurden, ist noch nachweisbar. Ein Teil des Fleisches ging als Rauch an die Götter, den sicher nicht knapp bemessenen Rest ließen sich die Pilger schmecken.

 

Zeus in Athen

 

Auf der Akropolis fehlen eigenartigerweise Heiligtümer für das göttliche Paar. Hera wurde in der Stadt überhaupt nicht mit einem Tempel bedacht. An dem für Zeus baute man über 600 Jahre lang. Der Baubeginn fällt wie beim Heraion auf Samos ins 6. Jh. v. Chr. Anfängliche Bauherren waren in beiden Fällen megalomane Tyrannen: Auf Samos der durch Friedrich Schiller auch bei uns berühmt gewordene Polykrates, in Athen der durch einen bewaffneten Staatsstreich an die Macht gekommene Peisitratos. Beide Tempel sollten die monumentalsten ihrer Zeit werden, doch mit beiden haben sich die  Größenwahnsinnigen gewaltig übernommen. Der auch Olympieion genannten Zeus-Tempel in Athen wurde immerhin vom römischen Kaiser Hadrian vollendet. Heute stehen noch 15 seiner einst 104 über 17 m hohen korinthischen Säulen aufrecht. Man sollte sie als schönen Vordergrund mit Hintersinn betrachten. Sie sind nur metrisch groß, während die Tempel auf dem Götterfels der Athener als Ausdruck demokratischen Gestaltungswillens für menschliche Größe stehen.

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Kommentare: 2
  • #1

    Christian Gerwig (Dienstag, 01 Februar 2022 12:45)

    Hallo Klaus,
    kurze Anmerkung zum „Samos-Part“: meiner Meinung nach müsste es heißen: auf den Aristarchos Airport….. oder „den Airport der Insel des Pythagoras“ anfliegt….

    Liebe Grüße Christian

  • #2

    klaus (Dienstag, 01 Februar 2022 13:23)

    danke, christian