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Hitparade meiner Lieblingstavernen

Eigentlich fühle ich mich in fast jeder griechischen Taverne (in Griechenland, nicht in Deutschland) sehr wohl. Charts kann ich da nicht erstellen. Aber es gibt einige Lokale, denen ich Extrapunkte geben würde.

 

Für die beste Hintergrundmusik gehen die Punkte an >To Steki tou Vasili< in Possidi auf dem südlichen Finger der dreifingrigen (die Griechen sagen: dreifüßigen) Chalkidiki. Inhaber Jannis verzichtet auf Tonträger-Beschallung. Bei ihm konzertiert das Meer, die Gästeohren sollen sich voll dem leichten Meeresrauschen widmen können, wenn sie über den Thermäischen Golf zur fernen Pilion-Halbinsel hinüberschauen. Verbraucherorganisationen würden ihm sicherlich auch einen Bonus-Punkt für seine Transparenz geben: Seine Spezialität, die Miesmuscheln, verwahrt er portionsweise in Kühlschränken. An jeder Portion hängt ein Zettel mit dem Erntedatum. Der Gast kann sich seine Muscheln frei aus den Eigentlich Kühlschränken auswählen.

 

Meine Punkte für die schönste Speisekarte erhält das >Café tou Stratou< in der Chora der Kykladeninsel Serifos, das ich 2018 entdeckte. Getränke und Speisen sind in ein selbst gefertigtes Buch integriert, das mit Gemälden großer griechischer und internationaler Künstler wie Theophilos, Paul Gauguin oder Edgar Degas illustriert ist. Zusätzlich sind darin Gedichte griechischer und ausländischer Poeten wie Goethe und Shakespeare abgedruckt. 

 

Für besondere Verbraucherfreundlichkeit bekommt die Taverne >Scholarcheio< in der Plaka direkt unterhalb der Akropolis meine Punkte. Hier sieht man schon vor der Bestellung, was man essen wird. Der Kellner präsentiert eine Auswahl von Speisen auf einem Tablett am Tisch. Der Gast wählt, was er wünscht. Mein Tipp: Die mit Ouzo flambierten Landwürste.

 

In ganz Griechenland konkurrenzlos ist die fensterlose Taverne von Ioannis Somarakis in Kyparissi auf Kreta. Hier erübrigt sich die Speisekarte, weil hier alle Gäste das gleiche essen: Verzehrt wird, was der Wirt auf den Tisch stellt. Auch eine Getränkekarte braucht man nicht: Man zapft sich den Wein selbst aus den zwölf Fässern an der Wand. Brunnenwasser steht sowieso auf dem Tisch. Und das alles bei Kerzenschein - elektrisches Licht gibt es in dieser Taverne nicht, die Herde und der Backofen in der Küche werden ebenso wie der offene Kamin im Gastraum mit Holz befeuert.

 

Der erste Preis für die schönsten Stühle in einem Kafenio gehen an das sehr traditionelle, völlig untouristische Kafeneio >O Skotianos < in Mochos auf Kreta. Da präsentiert der Wirt auf Stuhllehnen und Wandbildern Porträts von vielen Dutzend Helden aus griechischen Mythen und Landesgeschichte. Sie sind das Werk eines befreundeten, nach Larissa am Olymp versetzten Polizeioffiziers. Die originellsten Stühle in einer Taverne habe im <O Hamos< in Adamas auf Milos gesehen.  An den Stuhllehnen dürfen Stammkunden ihre Namen samt Kommentaren verewigen. An Mauern und Mäuerchen hängen kluge Sprüche zumeist antiker Philosophen. Auf den Tischen liegen Blätter mit traditionellen Rezepten des Kochs zum Mitnehmen aus. 

 

Besonders viel Fernweh erweckt die Deko der Taverne >Dionysos< in Develiki auf der Chalkidiki. Da geben farbige Wegweiser zwischen sanft klingenden Windspielen in den Tamarisken überm Strand die Entfernungen zu anderen Traumzielen an: Barcelona 2178 km, Rio de Janeiro  13 255 km und Los Angeles 18 739 km zum Beispiel. Develiki ist eben ein idealer Ort zum Träumen abseits des chalkidischen Massentourismus. Heim- und Fernweh verbinden will hingegen der Wirt das Cafés >Neromylos< im Bergdorf Zia auf der Insel Kos. Da liest man u.a., dass Kalymnos 21 km, Berlin 2050 km und Havana 10 093 km entfernt ist. Die Gäste sind eingeladen, bei ihrem nächsten Besuch einen Wegweiser mit Entfernungsangabe in ihr Heimatdorf oder -städtchen mitzubringen...

 

 

Die politischste aller mir bekannten Tavernen ist das kleine Mezedopoleio >Tou Kayambi< in der Altstadt von Iraklio auf Kreta. "Hätte die Oktoberrevolution in Deutschland statt in Russland stattgefunden, wäre die Welt heute besser", ist die feste Überzeugung von Wirt Dimitri. Fotos von Lenin, Trotzki, Che, Fidel, Ernst Thälmann und anderer Linker dekorieren die Wände - und zum unpolitischen Ausgleich zahlreiche Porträts griechischer Künstler und Standfotos aus griechischen Filmklassikern. 

Ähnlich war „Manos“ an der winzigen Platia von Kokkari. Manos hatte Marx während seiner Internierung in Libyen gelesen. Im Winter einziges offenes Kaf/ip.- Hier trafen sich (1996) deutsche  50er mit Baskenmütze, Pferdeschwanz und Bart. Zum Telefonieren ging man aufs Klo, weil im Lokal zu laut.

 

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