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Die Schatten neben dem Sonnenschirm

 

Im kommenden Jahr jährt sich zum 80. Mal die Vernichtung der kretischen Juden durch die deutschen Invasoren und zwei britische Torpedos. Schon jetzt haben die Vorbereitungen für ein außergewöhnliches Projekt begonnen, das das Jüdische Kulturzentrum Ariowitsch-Haus in Leipzig und die Etz-Hayyim-Synagoge in Chania auf Kreta gemeinsam planen. Initiator ist der renommierte deutsche Regisseur Jürgen Zielinski, der selbst ein Haus in der Nähe von Chania besitzt. Finanziell unterstützt wird das Projekt mit einem Betrag im niedrigen sechsstelligen Bereich vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland.

 

Auf Kreta lebten Juden schon seit dem 4./3. Jh. v. Chr. Sie waren aus dem bereits hellenisierten Ägypten und Palästina zugewandert. In römischer Zeit gab es jüdische Gemeinden auf der ganzen Insel von Kissamos im Westen bis Sitia im Osten. Um 1850 war Chania mit etwa 700 Mitglieder die größte Gemeinde. Nachdem Hitlers Truppen im Mai 1941 Kreta überfallen und erobert hatten, wurden Listen aller kretischen Juden angelegt: In Chania waren es auf einer ersten 314 und auf einer zweiten nur noch 279, in Iraklio nur 26.

 

Verhaftung und Tod

Am 21. Mai 1944 wurden dann alle Juden in Chania festgenommen und ins nahe Gefängnis von Agia gesperrt. Am 4. April deportierte man sie nach Iraklio und brachte sie dann vier Tage später auf den alten Frachter Tanais. Noch am Abend desselben Tages lief das Schiff Richtung Piräus aus. Mit an Bord waren außer den kretischen Juden, darunter über 100 Kindern, auch zahlreiche italienische Kriegsgefangene, kretische Widerstandskämpfer, deutsches Wachpersonal und sogar 14 zivile Passagiere. Eine Kennzeichnung als Gefangenentransporter erfolgte nicht. Dadurch erschien sie dem Kommandanten des britischen U-Boots „Vivid“, das die Tanais etwas nördlich der unbewohnten Insel Dia entdeckte, als leichte militärische Beute. Um 3:12 Uhr am Morgen des 9. Juni feuerte das U-Boot vier Torpedos auf sie ab, von denen zwei trafen. Die Tanais sank sehr schnell. Deutsche Begleitboote retteten 51 Menschen, darunter 37 Deutsche. Kein einziger kretischer Jude überlebte.

 

Die Idee und die Macher

Der deutsche Regisseur Jürgen Zielinski, der Chania schon lange privat verbunden ist und Anja Zuckmantel, die aus Leipzig stammende geschäftsführende Direktorin des Trägervereins der Etz Hayyim Synagoge, schon seit Jahren kennt, entwickelte nun eine besondere Idee, an diese Tragödie zu erinnern: Im nächsten Herbst eine szenisch-musikalische Collage in der Synagoge selbst zu inszenieren, die nicht nur Einheimische, sondern auch Touristen anspricht. Als Partner für die Realisierung gewann er als Dritten im Bunde auch noch Küf Kaufmann, den Vorstandsvorsitzenden der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig und stellvertretenden Vorsitzen der Jüdischen Gemeinden in Sachsen, der selbst Künstler und Regisseur ist.

Mit interkulturellen Projekten in aller Welt und der Vermittlung der Holocaust-Thematik hat der heute 69-jährige Zielinski viel Erfahrung. So Führte er im Auftrag des Goethe-Instituts bei der Inszenierung von Lessings „Nathan der Weise“ im pakistanischen Karachi Regie. Er war als Intendant des Theaters der Jungen Welt Leipzig auf Festivals in Polen und Südkorea präsent, war mit seinen Inszenierungen nach Georgien und Japan sowie mehrmals nach Israel eingeladen. Besonders erfolgreich waren seine Inszenierung „Kinder des Holocaust“ und „Juller“, ein Stück über den deutsch-jüdischen Fußballnationalspielers Julius Hirsch, der in Ausschwitz sein Leben ließ.

Mit Anja Zuckmantel von der Etz-Hayyim-Synagoge hat er die ideale Partnerin für sein Projekt in Chania gefunden. Diese Synagoge ist zwar nicht die einzige in Griechenland, die Besuchern ohne Voranmeldung zu festen Zeiten offensteht – das ist auch auf Rhodos und Korfu der Fall. Aber nur sie bietet bisher schon ein vielfältiges Programm für Menschen aller Glaubensrichtungen an: Fotoausstellungen, Konzerte und Vorträge. Selbst die Teilnahme an Gottesdiensten steht Nicht-Juden offen, ebenso die 4500 Bände umfassende historische Bibliothek. Zudem werden griechische Schulklassen als Besucher betreut, die hier vielleicht erstmals mit einer Erinnerungskultur konfrontiert werden, die sich nicht nur auf die eigenen heldenhaften Taten aus Antike und Kampf gegen die Osmanen sowie die Kleinasiatische Katastrophe bezieht. Die ist in Hellas nämlich bisher so gut wie gar nicht vorhanden, wie das Beispiel einer großen osmanischen Festung in Kalami nahe Chania zeigt, in der im 20. Jh. vor allem griechische Linke eingesperrt waren. Eine Bürgerinitiative setzt sich da schon seit Jahren für eine Erinnerungsstätte ein, doch stößt bei Politikern auf taube Ohren…

 

Das Projekt

Die Inszenierung im nächsten Jahr nun soll den Titel „Die Schatten neben dem Sonnenschirm“ tragen. Sie wird am 18. Oktober 2024 uraufgeführt und danach mindestens noch achtmal aufgeführt. Der Titel soll die tragische Geschichte in Bezug zu dem Kreta setzen, das Urlauber aus aller Welt heute kennenlernen, soll Familien- und Opfergeschichten mit der Welt der Urlaubsfreuden verknüpfen. „Wir werden einzelne Räume in der Synagoge zum Klingen bringen, Überraschendes zu Tage fördern und Babylonisches Sprachgewirr entwirren“, kündigt Zielinski an. So sollen Objekte aus jener Zeit zu sehen sein, Opfer und Zeitzeugen in verschiedenen Sprachen zu Wort kommen, darunter auch auf Yevanic, der von den kretischen Juden gesprochenen Sprache mit vielen altgriechischen und hebräischen Elementen.  Dafür steht Anja aus Chania u.a. auch in engem Kontakt zum Jüdischen Museum in Athen. Die relative Enge in der kleinen Synagoge Etz Hayyim wird bei der Inszenierung eine große Herausforderung darstellen, maximal 40 Zuschauer pro Aufführung werden Einlass finden können.

Noch steckt das Projekt in seinen Anfängen. Ein Skript gibt es bisher nicht. Gesucht werden auch noch ein möglichst griechischer Regisseur und Bühnenausstatter sowie etwa acht Schauspieler, am besten vier griechische und vier deutsche. Auf die Hilfe einer Casting-Agentur und auf ein öffentliches Casting möchte Zielinski dabei verzichten – er hofft, dass sie aus eigenem Interesse auf das Vorhaben stoßen. Die Proben für die Aufführung sollen im nächsten Sommer stattfinden und werden voraussichtlich vier Wochen in Anspruch nehmen.

 

Hoffnungen

Angesichts der doch recht hohen Kosten, die das Auswärtige Amt trägt, soll das Projekt aber auch Langzeitwirkung zeigen. „Wir sehen das als Beginn einer kontinuierlichen Zusammenarbeit, um Orte, die mit jüdischer Geschichte verbunden sind, wieder zu dem zu machen, was sie einmal – auch in Deutschland -gewesen sind: Orte der Begegnung, des Austauschs und der Vielfalt“, sagt Küf Kaufmann, Vorsitzender der israelitischen Religionsgemeinde und Leiter des Kultur- und Bildungsprogramms im Zentrum Jüdischere Kultur Ariowitsch-Haus in Leipzig. Und Anja Zuckmantel aus Chania ergänzt: „Heute ist es weniger denn je, über Grenzen hinweg Verbindungen zu stärken. Für uns bietet sich eine einmalige Chance, mit den Leipziger Kollegen und Kolleginnen ein außergewöhnliches Projekt zu realisieren, mit dem wir viele deutsche – und andere – Touristen, die Bewohnerinnen Chanias und Schülerinnen und Schüler in Griechenland und Deutschland erreichen. Gerade auch die nicht immer einfachen griechisch-deutschen Beziehungen wollen wir damit stärken, aber auch ein Bewusstsein dafür schaffen, dass der Zweite Weltkrieg zwar vor fast 80 Jahren zu Ende ging, aber Auswirkungen bis heute hat.“

 

Wanderrucksack

 

Zur Nachhaltigkeit des Projekts soll auch ein „Wanderrucksack“ beitragen, den die Berliner Theaterpädagogin Bettina Frank in Zusammenarbeit mit Lehrenden sowie Schülerinnen und Schülern erstellt. Sein Inhalt soll es Schul- und Jugendprojekten in Griechenland und in Deutschland ermöglichen, eigene vertiefende und spielerische Formen der Auseinandersetzung zu entwickeln. Darin befinden sich Objekte wie historische Postkarten und Familienfotos, vielleicht die Replik einer deutschen Waffe, Bücher oder eine Brille sowie Anregungen für Spiele in Kleingruppen. Außerdem wird das gesamte Event von einem in Chania lebenden marokkanischen Juden gefilmt. Ausschnitte sollen dann in der Synagoge Etz Hayyim und im jüdischen Kulturzentrum in Leipzig jederzeit ansehbar sein, deutschen und griechischen Pädagogen zur Verfügung gestellt und vielleicht sogar Fernsehsendern angeboten werden. Die Kosten für all das werden aus den vom Auswärtigen Amt zur Verfügung gestellten Mitteln erbracht.

 

 

INFOS

www.etz-hayyim-hania.org (Chania)

www.ariotischhaus.de (Leipzig)

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